Philippe Parreno @ Gropius Bau, Berlin [vom 25. Mai bis 5. August]

Philippe Parreno


4400
25.
Mai
 
- 5.
Aug.
10:00 - 19:00

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Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, Germany
Ausstellung / exhibition
25.05.–05.08.2018

Rückblick auf eine zukünftige Ausstellung

„Nichts wird stattgefunden haben als die Stätte.“
Stephane Mallarmé

Philippe Parrenos unbetitelte Einzelausstellung im Berliner Gropius Bau existiert noch nicht und wird vielleicht niemals genau so existieren, wie sie hier beschrieben wird. Das bedeutet aber nicht, dass sie weniger real wäre. Gewiss existiert diese Ausstellung in vielen verschiedenen Formen, die bisher rein virtuell sind – Möglichkeitsorte, die real werden könnten oder auch nicht. Bislang existiert die Ausstellung in verschiedenen Ausprägungen, die sich mit der Zeit verändert haben, darunter auch eine, die mithilfe von VR-Headsets erlebt werden kann. Momentan scheint allerdings nichts fixiert zu sein: Die Zukunft, die diese Ausstellung sich aneignen wird, bleibt offen und wir können uns nur ausmalen, was Parreno zu tun gedenkt.

Sicher scheint, dass einige ältere Arbeiten wieder erscheinen werden. So wird ein Tintenfisch, ein Tier, das in Parrenos Arbeit immer wieder auftaucht, eine Hauptrolle in „Anywhen“ spielen. Dieser Film, 2016 gedreht, wurde kürzlich vollständig neu geschnitten. Viele der älteren Arbeiten, die vielleicht wieder gezeigt werden, waren anfänglich nicht einmal Kunstwerke. So trat zum Beispiel die Blumentapete, die zuvor als Hintergrundelement in Parrenos Film „Marilyn“ (2012) zu sehen war, in den Vordergrund und bedeckte als Einzelarbeit die Wand einer Galerie. Auch die „Fireflies“ kehren zurück: Hunderte von gezeichneten Leuchtkäfern blitzen auf einem großen LED-Bildschirm und erlöschen dann wieder; ihre Lebensdauer unterliegt komplexen Algorithmen. Dieses Kommen und Gehen altbekannter Figuren hat gewiss etwas mit Geburt, Tod und Wiedergeburt zu tun. In der Tat werden zwei riesige, aufblasbare Cartoon-Babyköpfe, eine der ältesten Arbeiten Parrenos aus dem Jahr 1993, zu neuem Leben erweckt. Wenn (oder sofern) diese alten Arbeiten aufeinandertreffen, bleibt abzuwarten, wie sie miteinander zurechtkommen werden. Werden sie miteinander in Schwingung geraten? Welche neuen Realitäten mögen entstehen?

Entkörperlichte, freischwebende Empfindungen und Intensitäten werden direkt auf die Körper der Arbeiten selbst sowie die der Besucher*innen einwirken. In einem Raum steuern drei verschiedene, von Wissenschaftlern entwickelte Windverwirbelungen die Kreise aufblasbarer Fische auf einer ausgeklügelten Route. Dieser Kurs wird wiederum auf unerwartete Weise durch die Interaktion zwischen den Fischen und den Betrachter*innen verändert. Live-Geräusche dringen von irgendeinem Ort in der Stadt oder jenseits der Stadtgrenze in die Ausstellung ein, verbreiten sich von Raum zu Raum, tauchen im Spiegelbassin des Lichthofs wieder auf und werden dort in die visuellen Muster von Wasserlilien übersetzt. In den Ausstellungsräumen ändert sich das Licht ständig: Automatische Jalousien heben und senken sich in einem Rhythmus, der von einer unbekannten Autorität vorgegeben wird. Von den gegenüberliegenden Gebäuden reflektiertes Licht bewegt sich langsam über den Boden des Museums – Parreno nennt dies eine „Heliostatenchoreografie“. Ein anderer Bereich ist in ein unheimliches, orangefarbenes Licht gebadet, das die fiktionale Zukunft unserer verlöschenden Sonne evoziert. In einem weiteren Raum finden drastische Temperaturschwankungen statt. Bilden wir uns das nur ein? Wie ist es möglich, dass wir diese Intensitäten spüren, die doch erst noch verwirklicht werden müssen?

Beim Gang durch die Ausstellung haben wir mehr und mehr das Gefühl, in eine Dimension eingetreten zu sein, die nicht unseren gängigen räumlichen Koordinaten gemäß organisiert ist. Dies ist ein innerlicher Raum, eine rein mentale Landschaft, beseelt von einer paranoischen Logik. In einem Hinterzimmer befindet sich ein Bioreaktor: ein Becherglas, in dem Mikroorganismen mutieren, sich vermehren und an ihre Umgebung anpassen. Mit Computern verbunden, die das Geschehen der Ausstellung orchestrieren, entwickeln diese Bakterien ein Gedächtnis, eine kollektive Intelligenz, die die wechselnden Rhythmen der Ausstellung erlernt und die Fähigkeit herausbildet, zukünftige Variationen vorauszuahnen. Während also die Mikroorganismen ständig miteinander und mit den ungewissen Geschehnissen im Museum interagieren, setzen ihre neuronalen Schaltkreise eine komplexe, nicht-deterministische, nicht-lineare Inszenierung in Gang. Das außerirdische Gehirn in einem Tank wird zum lebenden Kontrollzentrum, zum Drahtzieher der Ausstellung. Die Gedankenprozesse des Bioreaktors sind für Menschen nicht wahrnehmbar. Wir können uns nur ausmalen, was er zu tun gedenkt.

Zoe Stillpass

***

Looking back on a Future Exhibition

“Nothing will have taken place but the place.”
Stephane Mallarmé

Philippe Parreno’s untitled solo exhibition at the Gropius Bau Berlin has yet to exist and will perhaps never exist as it is described here. This is not to say that it is any less real. To be sure, this show has many different modes of existence which, as of now, are purely virtual, sites of possibility which may or may not become actual. To date, the exhibition exists in various modes that have changed over time including one which can be experienced through VR headsets. Yet at this time, nothing appears fixed, the future that the exhibition takes remains open, and we can only imagine what Parreno intends to do.

It seems certain that some old works will reappear. For example, a cuttlefish, an animal that turns up often in Parreno’s work will star in “Anywhen”, a film shot in 2016, which has recently been entirely re-edited. Many of these past works that may reappear were never really artworks to begin with. For example, the flower wallpaper previously seen as a background element in the set of Parreno’s film “Marilyn” (2012) moves to the foreground becoming an individual work covering a gallery wall. “Fireflies” will return too: hundreds of drawings of lightning bugs flash on a large LED screen and then fade away, their lifespan governed by complex algorithms. Certainly, this coming and going of old characters has something to do with birth, death and rebirth. Indeed, two gigantic inflated cartoon baby heads, one of Parreno’s oldest works dating to 1993, will take on a new life. When (or if) these old works meet, only time will tell how they will get along. Will they resonate? What new realities might emerge?

Disembodied free-floating sensations and intensities will directly affect the bodies of the works themselves and those visiting the show. In one room, three different wind vortexes designed by scientists will guide the circulation of balloon fish on an elaborate path. This course in turn will be altered in unexpected ways as the fish interact with the spectators. Live sounds, emanating from somewhere in or beyond the city, leak inside and spread from one room to the next. These sounds re-surface in the reflecting pool of the atrium as they are transduced into visual patterns of waterlilies. Light constantly changes in the galleries as automatic blinds go up and down following a rhythm governed by an unknown authority. Light reflected off the facing buildings slowly moves across the museum floor in what Parreno calls a “heliostat choreography”. Another area is bathed in an eerie orange glow that evokes the fictional future of our fading sun. In another room, the temperature changes drastically. Is it just our imagination? How can we feel these intensities if they have yet to be actualized?

As we move through the exhibit, we begin to feel as if we had entered a dimension not organized according to our normal spatial coordinates. This is an inner space, a purely mental landscape, a site animated by a paranoiac logic. In a back room, sits a bioreactor, consisting of a beaker in which micro-organisms multiply, mutate, and adapt to their environment. Connected to computers that orchestrate the events in the exhibition, these bacteria develop a memory, a collective intelligence that learns the changing rhythms of the show and evolves to anticipate future variations. As the micro-organisms persistently interact with each other, and with the contingent events taking place in the museum, their neural circuitry sets in motion a complex non-deterministic, non linear mise en scene. This alien brain in a vat becomes the living control center, the mastermind, of the exhibition. The bioreactor’s thought process is imperceptible to humans. We can only imagine what it intends to do.

Zoe Stillpass

Foto: Philippe Parreno, „Anywhen“, 2017 (film still) © and courtesy Philippe Parreno
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